Virtuelles Wasser

Die deutschen sind Weltmeister …

Die Deutschen sind Weltmeister im Wassersparen. Der tägliche Haushaltswasserbedarf in Deutschland ist auf weniger als 130 l pro Person zurückgegangen. Doch ist dies nur ein sehr geringer Teil unseres tatsächlichen Wassergebrauchs. Der liegt um ein Vielfaches höher – bei mittlerweile 4.000 l pro Person und Tag! So viel "virtuelles Wasser" ist erforderlich, um all die Waren zu produzieren, die wir täglich brauchen, vom Mikrochip bis zur Tasse Kaffee.

Wasser virtuell?

Wasser ist das wertvollste ökologische Gut, das wir täglich in allen Lebensbereichen nutzen. Sein Verbrauch hat in Deutschland in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen. Waren es 1991 noch 144 Liter Wasser, die in Privathaushalten pro Person täglich verbraucht wurden, so sind es heute nur 124 Liter.

Die Entwicklung sagt jedoch nicht die ganze Wahrheit über unseren Wasserverbrauch aus. Er ist in Wirklichkeit viel höher, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Der weitaus größte Anteil unseres täglichen Wasserverbrauchs ist in den Lebensmitteln, unserer Kleidung oder anderen Produkten versteckt, die wir täglich nutzen.

Dieses für uns nicht sichtbare oder versteckte Wasser, das für die Produktion von Produkten an anderen Orten in der Welt verbraucht wird, nennt die moderne Wissenschaft „virtuelles Wasser“.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „virtuelles Wasser“? Fachleute des UNESCO Institute for Water Education haben in Untersuchungen ermittelt, welche Wassermengen für das Wachstum von Pflanzen benötigt werden, für die Erzeugung tierischer Produkte von der Aufzucht bis zur Verarbeitung oder auch für die Herstellung von Industrieprodukten im Lauf ihrer einzelnen Produktionsschritte.

Das Wasser stammt dabei aus Regenwasser, Oberflächenwasser oder Grundwasser. Es wird zur Bewässerung von Pflanzen oder zur Herstellung von Produkten verbraucht oder verunreinigt. Es umfasst auch die Menge an Wasser, die benötigt wird, um das verunreinigte Wasser wieder nutzbar zu machen.

Virtuelles Wasser – ein großes Problem

Man kann darüber hinaus streiten, ob „virtuelles Wasser“ eine glückliche Wertschöpfung ist, denn wir denken bei „virtuell“ an etwas, das real nicht existiert – sowie etwa die virtuellen Welten in Computerspielen.

Doch virtuelles Wasser existiert durchaus. Ohne seinen Einsatz gäbe es keine Waren. Der Großteil steckt in den Lebensmitteln und Produkten, die wir täglich konsumieren. Durch die Einfuhr dieser Güter importieren wir Wasser in virtueller Form, das im Erzeugerland verbraucht wurde.

Der reale und virtuelle Wasserverbrauch pro Kopf/Tag liegt heute bei ca. 4.000 Liter – etwa 20 gefüllte Badewannen. Dies ist dann besonders problematisch, wenn vor Ort nicht genügend natürliche Wasserressourcen zur Verfügung stehen, somit eine Übernutzung der Wasservorkommen erfolgt und der natürliche Wasserkreislauf gestört wird.

Daraus ergibt sich eine neue, globale Verantwortung, der wir gerecht werden sollten: durch Aufklärung und zielgerichteten Konsum. Es gilt, die Risiken besser zu verstehen und die Auswirkungen in wasserarmen Regionen zu reduzieren.

Ein Beispiel: Tomate ist nicht gleich Tomate

TomateEs gibt ein Lehrbeispiel in Signalfarbe: Tomatenrot! Wie alle Pflanzen brauchen Tomaten für ihr Wachstum Wasser, das sie aus dem Boden aufnehmen und über die Blattoberflächen wieder verdunsten. Die benötigte Wassermenge hängt stark von den klimatischen Bedingungen ab, insbesondere von der eingesetzten Bewässerungstechnik. Über den regional spezifischen Wasserbedarf der Tomatenpflanzen und die Höhe des Ertrags lässt sich die pro Kilogramm Tomaten benötigte Wassermenge, also das verbrauchte „virtuelle Wasser“, errechnen.

Die Tomate gehört zu den wichtigsten Gemüsesorten in Deutschland. Im Durchschnitt isst jeder Deutsche 22 kg Tomaten pro Jahr, knapp die Hälfte davon als Frischfrucht.

Im weltweiten Durchschnitt benötigt die Produktion von 1 kg Tomaten 184 Liter Wasser. Dieser Wert schwankt von Land zu Land, je nach der klimatischen bedingten Verdunstung.

Spanien
Wir sind es gewohnt, zu jeder Jahreszeit frische Tomaten zu kaufen. Aber es werden nur sechs Prozent der in Deutschland vermarkteten Tomaten auch hier produziert. Ein großer Teil der importierten Tomaten wird mithilfe künstlicher Bewässerung in sonnenreichen, aber wasserarmen Regionen in Südeuropa angebaut.

In Spanien wachsen Tomaten in einer Intensivkultur mit bis zu fünf Ernten pro Jahr. Der dortige Tomatenanbau verbraucht im Durchschnitt 319 Millimeter Niederschlagswasser pro Jahr und damit deutlich mehr als die 200 Millimeter Niederschlag, z.B. in Almeria, einem großen Anbaugebiet für Gemüse, zur Verfügung stehen. Die für die Bewässerung genutzten Grundwasservorkommen werden nicht ausreichend durch Niederschläge wieder aufgefüllt. Die Folge: Der Grundwasserspiegel sinkt ab, und in Küstennähe dringt Meerwasser ein, sodass das Grundwasser versalzt.

Deutschland
Im weniger sonnenreichen Deutschland werden Tomaten vor allem im Süden des Landes angebaut – die meisten, rund 85 Prozent, in Gewächshäusern. Allerdings können wir bei uns nicht das ganze Jahr über Tomaten ernten. Die Saison beginnt im April und dauert bis in den Dezember hinein, der Schwerpunkt liegt in den Monaten Mai bis Oktober.

Und wie sieht es bei uns mit dem Wassereinsatz aus? In Deutschland regnet es gut dreimal soviel wie in Südspanien. Das von den Nutzpflanzen aus dem Boden entnommene und verdunstete Wasser wird über Niederschläge mehr als ausreichend ersetzt.

Allein durch die klimatischen Bedingungen haben wir also gute Voraussetzungen für einen nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen auch in der Landwirtschaft – zumindest was die Wasserverfügbarkeit angeht.

Jeder hat es in der Hand

Nachhaltiger Konsum
Wir sollten bei jedem Einkauf darauf achten, dass die von der Natur gegebenen Ressourcen bei der Erzeugung der Waren berücksichtigt werden. Obst und Gemüse, Fleisch, Baumwolle, Handys und sonstige Industrieprodukte – alle Waren gehören auf den Prüfstand der Nachhaltigkeit, wenn sie durch den globalen Handel aus wasserarmen Regionen in wasserreiche Länder geliefert werden.

Meist sind es nämlich Waren aus diesen wasserarmen Gebieten, die primär aufgrund niedriger Arbeitslöhne von dort importiert werden. Reelle Löhne werden nicht gezahlt: Schnäppchenpreis hier, Armut und Elend dort.

Ein Weltwirtschaftssystem, das Ressourcen übernutzt, Arbeit nicht fair bezahlt und sich nur über den Preis definiert, untergräbt die Lebensqualität vieler Menschen. So ein System ist nicht nachhaltig und wird auf Dauer nicht zukunftsfähig sein.

Der Preis der Wahrheit
Warum orientieren sich viele Produzenten nicht an nachhaltiger Qualität, sondern nur am billigsten Herstellungspreis? Weil es der Handel verlangt, ist die Antwort. Und warum verlangt es der Handel? Weil es der Verbraucher so will. Doch stimmt das?

Es stimmt nur deshalb, weil es bisher unterblieben ist, die Konsumenten über die wahren, die langfristigen Preise zu informieren. Die Folgen der „Billig-Käufe“ werden von uns Endverbrauchern bisher ignoriert. Nicht böswillig: Die realen Folgekosten für die Umwelt bleiben uns verborgen.

Hier müssen wir ansetzen, uns informieren, unser eigenes Handel auf den Prüfstand stellen.

 

Produktgalerie: Virtueller Wassergehalt ausgewählter Produkte

Grundnahrungsmittel sind schon wegen der weltweit benötigten Mengen von besonderer Bedeutung für die Nutzung der Wasserressourcen. Da viele Grundnahrungsmittel auch als Tierfutter eingesetzt werden, entsteht hier oft eine Konkurrenz zwischen menschlicher – oft kleinbäuerlicher – Grundversorgung und der Fleischproduktion in den reichen Ländern.

Der Maisanbau benötigt weltweit 550 Mrd. m³ Wasser und damit 9 % des für Feldfrüchte verwendeten Wassers. Zu den großen Maisproduzenten gehören Kanada, die USA und Argentinien. In Kanada ist der Einsatz von Bewässerung für den Maisanbau am geringsten. Erhebliche Maisexporte gehen nach Japan, Korea, Mexiko, Taiwan und Ägypten. Die Bedeutung von Mais als Energiepflanze (Bioethanol) wird in den nächsten Jahren zunehmen.  Mais
 Kartoffel

Eine Tüte Kartoffel-Chips mit 200 g hat einen Wasserfußabdruck von 185 Litern. Größter Kartoffelproduzent ist China. In Asien und Lateinamerika ist ein deutlicher Anstieg, in Westeuropa eine sinkende Produktion zu beobachten. Ägypten, Algerien und Marokko sind in den letzten Jahren ein wichtiger Produzent von Frühkartoffeln in den Wintermonaten geworden. Dieses Exportgeschäft wird mit hohem Aufwand für die Bewässerung bezahlt.

 

 

Tierisch! Mit den Nahrungsmitteln aus tierischen Produkten kommen wir in neue Dimensionen des Wasserbedarfs für Nahrungsmittel. Die Intensivhaltung von Nutztieren für die Milch- und Fleischproduktion ist meist mit der Verwendung von Kraftfutter verbunden, dessen Grundstoffe auch als Ernährungsgrundlage für den Menschen dienen könnten.

Wenn ein Schwein in der Intensivmast sein Schlachtgewicht nach zehn Monaten erreicht, hat es 385 kg Futter und damit 11.000 l Wasser benötigt. Für das Schlachten und die Weiterverarbeitung werden noch einmal 10.000 l gebraucht. Dabei sind die unterschiedlichen Verwertungen des Fleisches, der Innereien und der Haut bereits berücksichtigt.

Schweinefleisch
Rindfleisch

Die Berechnung des Wasserfußabdrucks geht von der Intensivhaltung von Rindern aus, die nach drei Jahren ihr Schlachtgewicht erreicht haben. Bis dahin hat ein Tier etwa 1.300 kg Kraftfutter aus verschiedenen Getreiden und Soja, 7.200 kg Raufutter (Weidefutter, Heu, Silage), und 24.000 l Wasser zum Tränken gebraucht. 1 kg Rindfleisch ohne Knochen steht für rund 15.500 l virtuelles Wasser, von dem allein 15.300 l für das Futter aufgewendet wurden.

 

Obst & Gemüse brauchen generell deutlich weniger Wasser bei der Produktion als tierische Produkte. Große Unterschiede macht aber auch hier die Herkunft. Der Kauf von Obst und Gemüse der Saison aus dem Inland bzw. aus der Region ist nicht nur wasserschonend, sondern auch insgesamt ökologisch sinnvoll.

Die meisten Erdbeeren, die in Europa konsumiert werden, kommen aus Südspanien. Schon im Januar gibt es bei uns die ersten von dort importierten Erdbeeren. Der hohe Wasserbedarf der Pflanzen macht im trockenen Süden Spaniens eine intensive Bewässerung erforderlich. Die teilweise illegale Wasserförderung gefährdet auch den Nationalpark Coto de Donana, einen der größten Feuchtgebiete Europas und Lebensraum für Millionen von Zugvögeln.

 Erdbeeren
 Apfel

Ein Apfel von 100 g hat 70 Liter Wasser gebraucht. Hinter einem Glas Apfelsaft (200 ml) stecken 190 Liter Wasser.

 

Genussvoll! Wer mag schon auf Genuss verzichten? Aus diesem Grund sind Genussmittel ein wichtiges Handelsgut. Ein bewusster Umgang mit Genussmitteln schont nicht nur die Gesundheit, sondern schützt auch die Wasserressourcen.

Der weltweite Kaffeekonsum erfordert 120 Mrd. m³ Wasser, das sind 2 % des Wasserbedarfs für Feldfrüchte. Diese Menge entspricht dem 1,5 fachen jährlichen Rheinabfluss. Kaffee steht mit 6 % Anteil mit an der Spitze derjenigen Güter, die den globalen Wasserhandel ausmachen. Die Herstellung von 1 kg Röstkaffee erfordert 21.000 l Wasser. Bei 7 g pro Tasse ergeben sich die 140 l für eine fertige Tasse Kaffee. Diese Menge übersteigt bereits unseren durchschnittlichen täglichen Trinkwassergebrauch von 125 l pro Person.

 

 Kaffee
 Teebeutel

Die Hauptanbaugebiete für Tee liegen in Regionen mit hohen Niederschlagsmengen. Entsprechend günstiger fällt im Vergleich zum Kaffee der Wasserfußabdruck aus. Für eine Tasse Tee (0,25 l) werden nur 30 l Wasser benötigt.

 

Industrieprodukte Der Wasserfußabdruck ist nicht nur ein Maß für den Wassereinsatz in landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Nahrungsmitteln. Erstaunliche Zahlen für den Einsatz virtuellen Wassers ergeben sich auch für Industrieprodukte, die wir normalerweise nicht unmittelbar mit Wasser in Verbindung bringen. Als Daumenregel gilt: pro US-Dollar Warenwert kostet ein Industrieprodukt aus den USA 100 l, aus Westeuropa ca. 50 l und aus dem asiatischen Raum ca. 20 l virtuelles Wasser.

und so weiter … Viele Produkte in unserem Alltag dienen nicht der direkten Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, sondern sind mehr Ausdruck eines Modebewusstseins, z.B. Kleidung und Accessoires.

Die Herstellung von Kleidung aus Baumwolle schlägt mit weltweit durchschnittlich 11.000 l/kg an virtuellem Wasser zu Buche. 85 % der Wassermenge ist für die Herstellung der Baumwolle erforderlich und davon weit mehr als die Hälfte für die Bewässerung der Felder. Die restlichen 15 % sind für alle weiteren Verarbeitungsschritte notwendig. Die Baumwollproduktion benötigt weltweit 50 Mrd. m³ virtuellen Wassers und damit 3,5 % der gesamten für Feldfrüchte benötigten Menge.

 Jeans
 Hamburger

Für den kleinen Hunger zwischendurch ist der Wasserfußabdruck doch beträchtlich! Den größten Teil dieser Wasserfracht verursachen die Rindfleischbouletten von 150 g (ca. 2.200 l). Ein reichhaltiges Hotelfrühstück kommt dagegen auf knapp 1.300 l virtuelles Wasser.

 

 

Weitere Informationen zum Thema Wasser und „virtuelles Wasser“ finden Sie auf der Homepage der Vereinigung deutscher Gewässerschutz e.V. (www.vdg-online.de), sowie auf den Seiten des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Verkehr Baden-Württemberg (www.uvm.baden-wuerttemberg.de) und des Bayrischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit (www.wasser.bayern.de).